das zweite Ich
Stationen des Lebens ...
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Meine Kindheit

Seit wann genau ich diese Wünsche nach der Kleidung des anderen Geschlechts habe, kann ich nicht sagen. Soweit meine Erinnerungen zurück reichen - bis zum 5.Lebensjahr - waren diese Wünsche immer da. Zu der Zeit habe ich mir, wenn sich die Gelegenheit ergab, die Kleider meiner Mutter genommen und angezogen. Da ich keine Schwester habe, gab es leider keine andere Quelle. Natürlich hat nichts richtig gepaßt, aber doch war es ein ganz besonderes Gefühl.

Zu dieser Zeit - es war die erste Hälfte der Sechziger Jahre - war auch die Kleidung der Kinder etwas konventioneller. Ich weiß noch sehr genau, wie neidisch ich auf die Mädchen in meiner Klasse war, die an besonderen Tagen immer mit ihren schönen Kleidern in die Schule kamen. Viel Tüll, ausladende Petticoats, Unmengen an Rüschen; manchmal war es schon sehr schwer, das auszuhalten.

Zu dieser Zeit habe ich mich häufig sehr allein gefühlt. Diese Wünsche waren da, es gab niemanden, mit dem ich darüber reden konnte und ich habe wirklich geglaubt, ich wäre der einzige Junge auf der Welt, der sich so etwas wünschte. Begriffe wie Transvestismus oder Crossdressing gab es einfach nicht.

 
Als Jugendlicher
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Das änderte sich allmählich, als ich älter wurde. Es war der Beginn der sexuellen Aufklärung und in manchen Zeitschriften gab es vereinzelt Berichte über Männer, die Ähnliches wollten. War es vielleicht doch nicht so einzigartig?

Eine nicht unwesentliche Veränderung ergab sich auch dadurch, daß mir die Sachen meiner Mutter nun besser paßten und das Bild im Spiegel nicht mehr so schräg war. Nur waren das natürlich nicht die Sachen, die ich mir wünschte. So begann ich, mir aus den Altkleidersammlungen der Nachbarn einzelne Teile 'auszuleihen'. Aber auch das war mit sehr gemischten Gefühlen verbunden, die Sachen mußten gut versteckt werden und die Angst vor Entdeckung war sehr groß.

 
Erwachsen?
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Die große Freiheit kam erst, als ich mit meiner Frau eine eigene Wohnung bezog. Hier war die Angst vor Entdeckung nicht mehr nötig, sie wußte von meinen Wünschen und unterstützte mich sogar, mal mehr, mal weniger. So konnte ich ganz allmählich Erfahrungen sammeln, wie es ist, längere Zeit in dieser Kleidung zu leben. Längere Zeit heißt hier, daß es sich dann und wann über ein ganzes Wochenende hinzog.

Bis wir allerdings soweit waren, verging doch eine längere Zeit. Mir fehlte anfangs doch der Mut, ihr so gegenüber zu treten. Und für sie war es ebenso schwer, mich in dieser Kleidung zu sehen. Es war die Zeit der schwierigen Kompromisse, auch die Zeit der Mißverständnisse. Aber je länger wir es versuchten, desto besser konnten wir uns aufeinander einstellen. Aber wir haben beide gelernt, damit umzugehen.

 
Was ist mit den Kindern?
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Schwierig wurde es dann erst wieder mit der Geburt des ersten Kindes. In den ersten Monaten brauchten wir nichts zu verändern, Kleinkinder kennen den Unterschied ja nicht. Bedenken kamen uns erst, als unser Sohn eineinhalb Jahre war und so ganz allmählich Unterschiede wahrnahm. Der erste Versuch, dieses Problem zu umgehen, ging reichlich daneben. Um Irritationen zu vermeiden, hatte ich mich nur noch abends umgezogen, wenn er schlief. Mit dem Effekt, daß das Geschrei groß war, wenn er abends aufwachte und schlaftrunken ins Wohnzimmer tapste. Dann saß da eine für ihn völlig fremde Person. Das konnte also auf Dauer keine Lösung sein.

Nach vielen Überlegungen und Diskussionen haben wir uns dazu durchgerungen, vor dem Kind (und später auch den anderen Kindern) das Versteckspielen zu unterlassen. Natürlich gab es das Risiko, daß er anderen davon erzählen könnte. Aber Kinder reden nur von Dingen, die es wert sind, erzählt zu werden. Und für ihn war es Alltag, etwas ganz Gewöhnliches, und so gab es keinen Grund darüber zu sprechen. Auch wenn es manchmal kitzlige Situationen gab, war es nachträglich betrachtet die richtige Entscheidung.

Ein positiver Nebeneffekt ist, daß alle unsere Kinder gelernt haben, sich auf ungewöhnliche Lebensweisen einzustellen und sich nicht darüber lustig machen. Durch die Hintertür eine Erziehung zu ausgeprägter Toleranz.


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30.08.2009